Jazz, Pop und Weltmusik – warum die Oboe scheinbar nur Klassik kann

Die Glücklichen, denen schon einmal der wunderschöne Klang der Oboe zu Ohren kam, haben diese Erfahrung mit geradezu beeindruckend hoher Wahrscheinlichkeit in einem klassischen Konzert gemacht. Beeindruckend deshalb, weil es in der Tat erstaunlich ist, dass die Oboe außerhalb der westlichen klassischen Musikszene keinen auch noch so kleinen Platz zu haben scheint. Zum Glück ist es aber nicht ganz so dramatisch, man muss eben wie so oft etwas genauer hinschauen.

Zunächst, wer also hat Schuld am Schattendasein der Oboe? Suchen wir einen Verantwortlichen, dem wir die Last dieser unbequemen Tatsache aufbürden wollen, dann finden wir diesen ganz eindeutig in der Klarinette. Man kann sie natürlich nicht direkt verantwortlich machen – aber seit die Klarinette, recht spät im musikgeschichtlichen Kontext, im 18. Jahrhundert immer beliebter wurde, haben die meisten Komponisten scheinbar keine Lust mehr gehabt, Werke für Oboe zu schreiben.
Was, meiner bescheidenen Meinung nach, natürlich kaum nachvollziehbar ist!

Natürlich, die Klarinette ist viel leichter zu spielen (zumindest auf die physische Anstrengung reduziert…), die Mundstücke sind um Einiges widerstandsfähiger und günstiger herzustellen, die Mechanik reduzierter und deshalb nicht so anfällig, die Klarinette kann leise und laut und nicht nur mezzoforte und überhaupt war sie im 18. Jahrhundert neu und aufregend – aber wen kümmert das schon?
Nunja… die Oboen jedenfalls verschwanden im Schrank, eingehüllt in eine Schicht aus nostalgischer Traurigkeit und Staub.

Gerade mal eine Hand voll Komponisten raffte sich auf, für unser so wundervolles Instrument ein paar neue Stücke zu schreiben. Schumann zum Beispiel, der komponierte die drei Romanzen und widmete sie seiner Frau Clara (dass es diese Stücke im Original auch für Klarinette und Cello gibt, lassen wir an dieser Stelle mal gekonnt unter den Tisch fallen).
Der Siegeszug der Klarinette weitete sich aus, bis heute weiß jedes Kind was eine Klarinette ist, man hört sie im klassischen Orchester, genauso wie in der Big-Band, im Jazz-Trio oder in volkstümlichen Kreisen.

Auch wenn die Oboe im 20. Jahrhundert im klassischen Bereich wieder wesentlich mehr Beachtung fand, so schien sie doch für alle anderen Arten von Musik beinahe zu kompliziert. Viele Techniken, die Klarinettisten beherrschen, sind auf der Oboe durch die komplexe Mechanik nicht möglich und wer schon einmal mit Jazzmusikern „gejammed“ hat, weiß wie der Hase läuft: Auspacken, spielen.
Bei Oboisten ist das mehr so: Auspacken, zusammenbauen, Rohr einweichen, Schrauben festziehen, Rohr abdichten, reinblasen, Rohr leichter machen, reinblasen, sich mit der Unzulänglichkeit des Rohres zufrieden geben. Und dann nach den Noten fragen. Oboisten sind keine Improvisateure. Da kann ja so viel schief gehen! Nein, als Oboist braucht man schon irgendwas, woran man sich festhalten kann und wenn es nur ein paar schwarze Punkte auf einem Blatt Papier sind.

Aber die Zeiten ändern sich. Es gibt Jazz-Oboisten. Nur ein paar, aber immerhin. Ich persönlich habe lange gebraucht, um festzustellen, dass es eine Chance und keine Bürde ist ein Instrument zu beherrschen, was sich nicht so leicht spielen lässt wie eine Blockflöte, aber für dass es eben auch noch Potenzial gibt. In allen Bereichen! Der Klang der Oboe ist neu und aufregend, obwohl sie schon so eine alte Dame ist, sie klingt interessant, gerade wenn man sie nicht in ihrem vorgefertigten Rahmen verwendet.
Wer das nicht glaubt, der höre sich Oregon oder den Oboman an, alternativ auch meine Songs als bescheidenen Beitrag zur kreativen Nutzung der Oboe als Instrument in oboistisch unerschlossenen musikalischen Bereichen. Am Anfang war ich mir sicher: Songwriting und Oboe? Das ist doch komisch! Was unpassend war, hat sich nach Jahren zusammengefügt und macht Sinn. Die Oboe ist ein Instrument. Innerhalb der Musik ist es bedeutungslos, dass wir sie nur mit einer bestimmten Musikrichtung verknüpfen denn, natürlich, sie funktioniert im Jazz und im Pop, mit Schlagzeug und Harmonium, Orgel oder Synthesizer – zumindest dann, wenn wir bereit sind unsere Hörgewohnheiten abzuschalten.

Wenn ich einem Oboisten etwas raten würde, dann wäre es auszuprobieren und vom Oboisten zum Musiker zu werden, auch wenn der Weg vielleicht beschwerlicher ist, als der anderer Musizierender, mit weniger komplizierten Instrumenten.
In naher Zukunft werde ich ein paar Artikel zu verschiedenen Stücken und Liedern schreiben, wo man eine Oboe hören kann – Künstler aus Jazz, Pop und Volksmusik. Es werden wohl nicht so viele Artikel werden, aber das macht nichts: Denn ich glaube die Oboe ist gerade am Anfang ihrer Renaissance.

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