Völlig außer Puste – wohin mit der ganzen Luft?

Völlig außer Puste - wie atme ich richtig beim Oboe spielen?Die Ente weiß, wie man richtig atmet...

Der wichtigste Aspekt beim Oboe spielen ist auch gleichzeitig der wichtigste Aspekt des Lebens: Richtig zu atmen. Wir können ziemlich lange ohne Essen, Trinken und Schlaf überleben. Wenn wir unsere Atmung einschränken, kann das allerdings ziemlich schnell fatale Folgen haben. Jeder Oboist, der schon einmal auf der Bühne gestanden hat kennt das Gefühl, dass sich im Körper breit macht, wenn man meint kurz vor dem Erstickungstod zu stehen. Das klingt jetzt ein wenig sehr dramatisch, aber tatsächlich gilt vor allem Eines: Wenn wir uns mit unserer Atmung wohlfühlen, ist Oboe spielen einfach. Im Umkehrschluss kann ein Konzert zur Qual werden, wenn wir unsere Luft nicht unter Kontrolle haben.
„Du musst tiefer einatmen Miriam, dann wird das Stück leichter!“ hat mein Lehrer in den ersten Stunden an der Hochschule zu mir gesagt. Prima, habe ich mir damals gedacht, dann ist das ja alles ganz einfach!

Sechs Jahre später stand ich in dem gleichen Zimmer in der Hochschule, mein Lehrer stand ungefähr an dem gleichen Platz wie damals – und er hat genau das Gleiche gesagt.
Das soll jetzt nicht entmutigend sein und genauso wenig bedeutet es, dass ich in den langen Jahren meines Studiums nichts gelernt hätte. Die Atmung ist und bleibt einfach das zentrale Thema für jeden Oboisten – ein Leben lang. Natürlich wird es einfacher, die Stücke werden länger, der tiefe Atem selbstverständlicher und der nahende Erstickungstod, der bei „Alle meine Entchen“ nur noch heulend in der Ecke sitzt und höchstens bei Richard Strauss’ Oboenkonzert noch manchmal hinter dem Vorhang hervorkriecht, verliert mehr und mehr an Bedrohlichkeit.
Doch wie kommen wir da hin?

Hier ein paar Tipps zum Umgang mit dem heiligen Gral aller Oboisten: Der Atmung!

1. Übung macht – wie immer – den Meister
Okay. Wir atmen jeden Tag ungefähr 17000 mal ein und aus. Da könnte man doch meinen, dass wir diese Disziplin beherrschen!? Die große Mehrheit der Menschen aber atmet für gewöhnlich zu flach und zu kurz. Unsere Lungen haben eine enorme Kapazität und im Idealfall nutzen wir diese Möglichkeit aus, sei es durch Bewegung oder gezielte Atemübungen. Es ist ja ein allseits anerkannter Fakt, dass unsere Gesellschaft sich zu wenig bewegt, von Atemübungen mal ganz abgesehen. Deshalb ist Oboe spielen tatsächlich etwas ziemlich Praktisches: Die Oboe bringt uns dazu, uns auf unsere Atmung zu fokussieren und dabei zu bleiben. Sobald wir die Konzentration auf unseren Atemfluss verlieren, wird auch die Qualität der Musik merkbar schlechter. Das glaubt ihr nicht? Mein Lehrer hat immer gehört, wenn ich nicht gut geatmet habe. Deshalb übt man das richtige Atmen am Besten regelmäßig und konzentriert, damit es zu einer Selbstverständlichkeit werden kann.

2. Tief, langsam und bewusst atmen
Übt das richtige Atmen ohne Oboe. Geht spazieren, lest ein Buch, schaut aus dem Fenster, egal was ihr tut, erinnert euch immer wieder daran tief und langsam ein und auszuatmen. Das hilft nicht nur am Instrument, sondern sorgt im Allgemeinen dafür, dass man sich ausgeglichener, gesünder und wacher fühlt. Stress und Ängste kann man ganz bewusst durch eine tiefe Atmung reduzieren. Stellt euch auch unmittelbar bevor ihr übt aufrecht hin, beobachtet eure Atmung und nehmt ein paar besonders tiefe und lange Atemzüge, immer ohne eure Schultern nach oben zu ziehen oder den Bauch festzuhalten. Dann sind die ersten Töne auf eurem Instrument auch gleich viel entspannter.

3. Mit der Oboe atmen
Es wird ein bisschen dauern, bis ihr diesen bewussten Ablauf am Instrument integrieren könnt, schließlich gibt es vor jedem neuen Ton viel zu bedenken. Versucht deshalb, gewisse Dinge zu vereinfachen. Bevor ihr beginnt zu spielen legt ihr das Rohr auf eure Unterlippe, dann ist es schon ungefähr da wo es sein soll. Positioniert eure Finger entspannt auf den Klappen, damit ihr nicht nach der Einatmung erst überlegen müsst, wie denn jetzt dieser eine Ton gegriffen wird, den ihr eigentlich spielen wolltet. Atmet dann tief und lang durch den Mund ein, bereitet währenddessen euren Ansatz vor und spielt einen langen Ton oder eine lange Phrase. Im Idealfall bis zu dem Punkt, an dem sich eure Lunge komprimiert hat und ihr dringend einatmen müsst. Manchmal kann man davon richtig Muskelkater bekommen und man spürt richtig, wie sich die Lungen zusammen ziehen. Versucht diesen Punkt immer ein bisschen weiter nach hinten zu verschieben.
Es ist sehr wichtig, dass ihr euch angewöhnt hauptsächlich durch den Mund einzuatmen, da die Atmung durch die Nase meist zu viel Zeit braucht und man nicht tief genug einatmen kann.

4. Ein- UND Ausatmen
Die Oboe ist eines der wenigen Instrumente, bei denen es erforderlich ist in den Pausen ein- und auszuatmen. Spielt man Flöte oder Klarinette, so atmet man für gewöhnlich die Luft durch das Spielen aus und atmet in den Pausen nach. Wenn wir das als Oboisten genauso machen, sind wir schnell an einem Punkt, wo wir nicht weiterkommen, man spricht dann von „Hochatmigkeit“. Natürlich haben wir während eines Stückes nicht die Zeit, in jeder Pause ein- und auszuatmen, wir müssen trainieren auch lange Strecken ohne Ausatmen zu spielen und gezielt nach-atmen ohne zu voll mit Luft zu sein. Deshalb sollten wir unsere Atmung immer gut planen und in unsere Noten Eintragungen machen, wo wir wann und wie atmen. An diese Eintragungen muss man sich beim üben umbedingt halten! Den Ablauf der Atmung zu üben ist besonders am Anfang genauso wichtig, wie die richtigen Noten zu spielen, denn die Atmung muss immer musikalisch in ein Stück eingebunden werden und darf am Ende nicht zu viel Zeit beanspruchen.

5. Längere Phrasen spielen
Es ist wichtig, dass wir beim Üben darauf vertrauen, dass es möglich ist eine Phrase ohne Zwischenatmung zu spielen. Wenn wir gesund sind und das Prinzip verstanden haben, ist es für jeden von uns Möglich, einen Ton sehr lange auszuhalten. Weil ich sehr klein und schmal bin, habe auch ich lange Zeit an mir gezweifelt, aber mittlerweile weiß ich, dass Körpergröße und Masse nicht bestimmen, wie gut man seine Atmung unter Kontrolle hat.
Wie gesagt wird man beim Oboe spielen die Luft in den Lungen nie vollständig los. Die Oboe ist ein stattdessen Instrument, was zu einem Großteil durch Luftdruck in Schwingung versetzt wird. Der Druck wird größer, je mehr Luft wir einatmen und je größer der Druck, desto schneller fließt die Luft – dann bekommen wir einen schöneren Klang, können leichter längere Phrasen spielen, haben eine bessere Technik etc..
Verlängert deshalb die Abschnitte die ihr spielt kontinuierlich und geht auch immer mal an eure Grenzen, dann werdet ihr merken, wie ihr eurem Körper mehr und mehr vertrauen könnt. Wichtig ist nur, dass ihr die Luftgeschwindigkeit, also den Luftdruck, auch wirklich bis zum Ende eurer Phrasen beibehaltet und euch nicht „klein“ macht, um Luft zu sparen.

5. Geduld haben und am Ball bleiben
Jeder Tag ist anders und alles was wir tun oder nicht tun beeinflusst uns und unseren Körper. Es ist wichtig zu respektieren, dass Veränderungen Zeit brauchen und auch wir Zeit brauchen, um alte Gewohnheiten loszuwerden und neue zu etablieren.
Es versteht sich von selbst, dass Sport, ausreichend Schlaf und gute Konzentrationsfähigkeit dazu beitragen, dass man schneller zu einem positiven Ergebnis kommt. Auch fördern Rauchen und Alkohol trinken nicht gerade das Wohlgefühl am Instrument. Ansonsten ist es aber wirklich unumgänglich, den Dingen Zeit zu lassen.
Um mit einer guten Atmung Oboe zu spielen braucht es Kontinuität, Zeit und Vertrauen in euren Körper – der Rest wird dann ganz von alleine kommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.