Wie übe ich richtig – Intonation und Klangfarbe

Wer mal Klavier gespielt hat kennt das Phänomen: Ich drück eine Taste und heraus kommt ein Ton, der immer der Gleiche ist, egal ob ich ihn um fünf in der Früh oder spätabends anschlage. Die Saiten des Klaviers sind im Idealfall stabil und verändern sich nur sehr langsam über lange Zeiträume.
Bei der Oboe ist das anders: Wir weichen unser Rohr ein, schauen aus dem Fenster. Es regnet. Wir spielen ein ‚a‘. Soweit so gut. Wir legen die Oboe kurz weg, stellen unsere Noten auf den Notenständer, die Sonne scheint und wir spielen noch ein ‚a‘ – aber diesmal klingt es irgendwie ganz anders!

Keine Sorge, dieses Problem haben nicht nur wir Oboisten: Jeder Geiger, Sänger, Gitarrist, alle Bläser und überhaupt die meisten Instrumentalisten müssen sich tagtäglich mit einer wichtigen Komponente des Musikmachens auseinandersetzen: Der Intonation.

Das ist erstmal ein komisches Wort: I-N-T-O-N-A-T-I-O-N. Wenn wir es uns ins Ungefähre mit dem Wort „Stimmung“ übersetzen klingt es aber zum Glück gleich viel freundlicher! 

Wir Oboisten suchen immer nach einem guten Klang. Dabei, das hat mir ein ganz toller Lehrer mal gesagt, ist Klang vor Allem eines: Eine gute Stimmung, beziehungsweise Intonation. Der Klang eines Oboisten ist individuell, wechselhaft und immer den üblichen Umweltfaktoren und der Tagesform unterworfen und das darf er auch sein. Es ist okay, dass dein Klang sich verändert – solange du in deiner Intonation stabil bleiben kannst.

Wie finden wir denn jetzt diese schöne, reine Stimmung auf der Oboe?
Hier kommen einige Tips und Tricks, was du tun kannst, wenn dein Lehrer einmal nicht in der Nähe ist, oder du deine Intonation einfach verbessern möchtest.

1. Kauf dir ein Stimmgerät
Dieser Tip steht nicht umsonst an erster Stelle. Um sauber zu intonieren, müssen wir lernen gut zu hören. Das ist ohne einen Freund, der dir sagt, ob es stimmt oder nicht, beinahe unmöglich. Das Stimmgerät ist von Zeit zu Zeit mein bester Freund: Es lügt mich nicht an, um mich nicht zu verärgern und gibt mir Recht, wenn ich meine Sache gut mache. Stimmgeräte gibt es in jedem Musikgeschäft und online. Ich empfehle eine Kombination aus Stimmgerät und Metronom (über das Metronom, dass wir ebenso lieb gewinnen sollten wie das Stimmgerät, sprechen wir später noch).

2. Übe mit dem Stimmgerät
Das kommt natürlich gleich danach. Deine erste und wichtigste Übung ist ganz einfach. Schalte das Stimmgerät ein und überprüfe, dass es auf eine Stimmung von 443 Hz eingestellt ist – das ist die Stimmung die deutschen Orchester im Normalfall benutzen.
Spiele ein a’ und halte den Ton ein paar Sekunden lang. Wechsle dann ohne Unterbrechung auf das a’’. Beobachte dabei, was dir das Stimmgerät anzeigt und korrigiere deinen Ton wie unter dem 3. Punkt beschrieben. Wiederhole die Übung langsam und bewusst auf allen anderen Tönen ab dem a’.
Lasse das Stimmgerät auch dein treuer Begleiter sein, wenn du Tonleitern oder Intervalle übst. Halte zwischendurch hin und wieder auf einer Note an und schau genau, wohin du dich korrigieren musst. Jeder von uns hat eine Tendenz zu locker zu sein oder zu sehr zu beißen, nach dieser Tendenz muss man immer wieder suchen.

3. Höhen und Tiefen durchwandern
Was machen wir, wenn wir ein gutes Rohr haben und trotzdem nicht stimmen?
Im Prinzip gibt es bei der Intonation drei Möglichkeiten: Wir sind zu hoch, zu tief, oder wir stimmen!
Wenn du zu tief bist, musst du versuchen die Intonation über Luftgeschwindigkeit und Ansatzspannung zu erhöhen. Bitte drück nicht einfach nur das Rohr zusammen sondern versuche wirklich zu spüren, wie sich der Luftdruck erhöht, wenn du mit guter Stütze und schneller Luftgeschwindigkeit in das Rohr hineinbläst.
Bei hohen Tönen (ab a’’) ist es manchmal nötig, den Ansatz ein bisschen zu verändern, aber vergiss nie, dass du schneller müde wirst je mehr du den Ansatz strapazierst. Ich arbeite gerade in der Höhe sehr gerne mit Vokalen, wie es Sänger machen: Versuche mal, im oberen Register mehr an ein ‚i‘ zu denken und in den bequemen unteren Registern mehr mit dem Vokal ‚o‘ zu spielen – das kann sehr hilfreich sein!
Bist du zu hoch gilt vor allem eins: Du musst dich entspannen! Das kann in Drucksituationen genauso schwierig sein, wie nicht an den altbekannten rosafarbenen Elefanten zu denken… trotzdem: Ein offener Hals und Mundraum und ein offener, gedachter Vokal (zum Beispiel ein offenes ‚o‘) werden dir helfen, deine Stimmung gerade zu rücken.
Im Notfall kannst du auch dein Rohr einen Millimeter aus der Oboe herausziehen, das sollte allerdings nicht die Regel sein, da durch die Lücke, die zwischen dem Instrument und dem Rohrende entsteht, die tiefen Töne mitunter schlechter ansprechen.

4. Hinterfrage deine Rohre – zumindest ein bisschen
Gute Intonation ist wie so oft das Ergebnis von richtigem Üben und dem richtigen Umgang mit unserem Material. Eins muss man umbedingt wissen: Wenn das Rohr es einem zu schwer macht, sauber zu spielen, sollte man sich zunächst auf die Suche nach einem guten Rohr begeben.
Wie immer gilt hier: Wenn du dir unsicher bist, ob dein Rohr wirklich zu schwer, zu leicht oder zu instabil ist, frag bitte deinen Lehrer. Denn, was bei Pferden gilt, gilt bei der Oboe nicht: Auf einem schlechten Gaul lernt man vielleicht das Reiten, das Oboespielen lernen wir aber besser auf einem guten Rohr!
Zu lange auf einem Rohr zu üben, was uns müde macht, kann uns nach hinten werfen – aber wir sollten natürlich auch nicht faul sein und uns nur auf einem bequemen, alten Rohr ausruhen. Neue Rohre einzuspielen und dadurch Flexibilität zu lernen ist sehr wichtig.

5. Spiele mit anderen Musikern zusammen
Im Überaum zu stimmen ist eine Sache, im Orchester oder in der Kammermusikgruppe gut zu stimmen wieder eine ganz andere. Gemeinsam zu spielen ist unverzichtbar, um eine gute Intonation zu lernen.
Gut zu stimmen bedeutet auch gut reagieren zu können – natürlich sollte man immer dafür sorgen, dass alle Musiker sich auf einen Kammerton einigen und man, falls nötig, lieber ein paar mal zu viel, als zu wenig nachstimmt.
Aber manchmal wird es vor allem im Zusammenspiel Situationen geben, in denen man eine reine Intonation nicht erreichen kann. Dann muss man versuchen, das Beste heraus zu holen und flexibel zu sein. Ist das ganze Ensemble zu tief (zum Beispiel auf Grund einer tief gestimmten Orgel, was im Winter in kalten Kirchen leider sehr oft passiert), kann man sich als Oboist Stimmringe besorgen. Dieser kleine Ring wird oben in die Oboe hineingelegt, um die unter 3. beschriebene Lücke zwischen Instrument und Rohr zu schließen. So ist es leichter tiefer zu spielen. Wenn du dauernd Stimmringe benutzen musst, solltest du allerdings lieber darüber nachdenken, längere Rohre zu kaufen oder selbst zu bauen.

6. Intonation, Klang und Luft
Noch ein paar abschließende Worte zu unserem Thema: Bitte versuche nie deine Intonation durch weniger Luft oder kraftloses hineinblasen zu korrigieren. Halte deine Luftführung gleichmäßig und deinen Ansatz stabil und frage deinen Lehrer, wenn es Töne gibt, die dir dabei wirklich sehr aus der Reihe fallen oder stark wackeln. Wenn du dich darauf konzentrierst und lernst sicher zu stimmen, wird dein Klang zusammen mit der Intonation besser werden. Zum Thema Luftführung findest du in meinem letzten Beitrag. Falls du Fragen hast, wende dich an deinen Lehrer oder schreib mir eine Mail!

 

 

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