Perfektionismus oder warum ein Oboist niemals ein Roboter sein kann

„Die physikalischen Eigenschaften der Oboe sind äußerst kompliziert und gegenwärtig noch nicht vollständig geklärt, da eine Vielzahl an Faktoren die Töne bzw. deren Qualität beeinflussen.“
Aus dem Wikipedia-Artikel zur Oboe

Die meisten Musiker sind Perfektionisten. Ja, sogar der größte Künstler der Prokrastination kann sich vor dem inneren Schweinehund, der so gerne ein perfekter Schweinehund wäre manchmal nicht verstecken – wenn er nach erfolgreicher Aufschiebe-Aktion sein Instrument wieder in die Hand nimmt, stellt er fest, dass es irgendwie nicht so läuft. Und das ist ärgerlich, denn jeder möchte am Liebsten ohne viel Arbeit ans Ziel kommen und am Besten soll eben immer alles gleich perfekt sein…

Dass das nicht funktioniert, wissen die Meisten von uns, auch wenn sie nicht Oboe spielen.
Was aber macht viele von uns Oboisten besonders empfindsam, wenn es um Perfektionismus geht?

Der Übeltäter und gleichzeitig unser größter Lehrmeister ist, wie könnte es anders sein, natürlich das Rohr und die Tatsache, dass dieses kleine aber wichtigste Stück vom Instrument uns immer wieder in die Knie zwingt. Mein Lehrer hat immer gesagt: „Du darfst dich von deinem Instrument nicht beherrschen lassen!“
Aber wenn diese Worte fielen, war es dazu meistens schon zu spät: Mein schlecht klingendes, quakendes, nicht ansprechendes, plattes oder viel zu offenes Rohr hatte mich und vor Allem meinen Gemütszustand fest im Griff und eine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation schien stets der einzige Strohhalm zu sein, nach dem ich in diesem Dilemma greifen konnte. Blöd. Weil es noch nie etwas genutzt hat, sich selbst und das arme Rohr noch mehr unter Druck zu setzen.

Nein, die Oboe ist kein Instrument für Perfektionisten – aber für alle Anderen scheint sie genau so wenig geeignet zu sein. Denn wer nicht den dringenden, beinahe zermürbenden Wunsch verspürt diesem Instrument wenigstens ein paar schöne Töne zu entlocken und bereit ist, dafür auf Einiges zu verzichten, der wird von ihr mit nichts als Verachtung gestraft.

Wie kommen wir jetzt dazu, mit der hölzernen Diva trotzdem Spaß zu haben? Und das geht… ich habe es selbst schon erlebt!
Es ist doch so – und hier muss ich in allgemein gültige Floskeln abdriften – wir leben in einer Zeit der Optimierung. Wir nähern uns den Maschinen, suchen nach dem Roboter-Ich und wollen doch gleichzeitig so individuell sein wie nur möglich. Denn nur wer individuell ist hat Erfolg, oder so.
Tja, so wie sich nach den meisten Trends der eigentliche Trend ins Gegenteil verkehrt, wird aus dem unfehlbaren Musiker, der sein Handwerk perfekt beherrscht vielleicht eines Tages auch wieder der ehrliche, emotionale, suchende Künstler werden – aus der Schlaghose wurde schließlich auch wieder die Karottenjeans, von der Massenproduktion kamen wir zurück zum handgemachten Öko-Produkt und auch das dörfliche Untergiesing wird in absehbarer Zeit ein teures Szene-Viertel sein, so ist das nunmal.
Auch wenn die Zeiten gerade anders sind, ich bleibe dabei: Mut zur Lücke, Mut zum falschen Ton und zum schlechten Rohr! Wir brauchen mehr Emotionen und weniger Fokus Virtuosität. Die Menschen müssen ohnehin wieder lernen zuzuhören, zurück zuschrauben… l a n g s a m e r zu sein .
Und alles Perfekte können meinetwegen die Maschinen übernehmen!

Zurück zum praxis-nahen Tip für alle Oboisten. Wichtig ist ganz klar die Regelmäßigkeit. Der innere Schweinehund den man überwinden muss, ist der, der sagt „Ich habe doch gestern schon, morgen reicht auch noch.“ …Nein.
Wir können nicht acht Stunden am Stück üben, wie die Pianisten oder Geiger, ob das überhaupt jemandem etwas bringt, sei dahin gestellt. Aber was wir müssen ist dran bleiben. Regelmäßig und konstant. Lieber jeden Tag ein bisschen, als einmal die Woche Stunden unter Qual und Frustration. So lassen sich auch Tief-Phasen viel besser durchstehen! Oboe spielen ist wie beten: Das macht man jeden Tag, wenn man es liebt. Dann kommt der Erfolg und wenn ich mich daran halte weiß ich zumindest Eines: Dass ich mein Bestes gegeben habe – und nur darauf kommt es an.

2 Kommentare

  1. Boris Unterer

    Miriam. danke für deine ermutigenden Worte. Nachdem ich eine gewisse Fertigkeit auf dem Sopran(sax) erlangt hatte und doch immer wie eine Oboe klingen wollte, versuche mich nun seit eineinhalb Jahren derart an diesem widerborstigen Stück Holz, dass sie mich völlig in ihren Bann gezogen hat. Dieselbe Fertigkeit an diesem Instrument zu erlangen, war mein Ziel, doch es scheint der Weg dorthin sich immer mehr zu verlängern. Ich staune über all die Orchestermusiker, die in der Lage sind, eine ausdrucksvolle Passage zu spielen. Dass dabei alle Töne ansprechen. Dass es dabei nicht irgendwo blubbert. Dass die C2 nicht klingt wie eine Kreissäge. Dass ihnen eine Dynamik gelingt, ohne dass der Ton abreisst. Sich nach 16tel Passagen die Finger nicht verknotet haben. Dass die Lippen am Schluss noch fit genug sind, um den Schlussakkord ohne Wackeln hinzubekommen. Dein Blog ist sehr erfrischend. Schreib bitte weiter!

    • Miriam Ströher

      Lieber Boris, wie schön, dass du die Oboe für dich entdeckt hast! Ich hoffe du hast eine gute Lehrerin oder einen guten Lehrer an der Hand, der dir in den wichtigsten Fragen weiterhelfen kann.
      Falls du einen Themen-Wunsch für meinen Blog hast, kannst du mir aber gerne eine Nachricht schreiben, ich freue mich immer über Anregungen.
      Ansonsten werde ich selbstverständlich weiter in regelmäßigen, wenn auch eher größeren Abständen über dieses wunder- und sonderbare Instrument schreiben. Ich kann es nicht oft genug betonen: Auch die Profis kämpfen mit den alltäglichen Problemen, die du beschrieben hast – aber die Oboe ist und bleibt ein wunderschönes Instrument und es lohnt sich geduldig zu sein 🙂

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