Oboefitness – wie man die Kondition behält

Ich kenne momentan keinen einzigen Menschen, der, sei es durch seine berufliche und familiäre Situation oder den berüchtigten Freizeitstress, nicht ausgelastet ist. „Die Zeit rennt mir davon“ scheint das Omen der Jahrzehnte zu sein, in denen wir leben. Wer hat da schon noch die Muße ein Instrument zu lernen – und noch dazu Eines, welches von uns abverlangt, dass wir uns im Besten Fall täglich damit beschäftigen, damit wir überhaupt dazu in der Lage sind, ein zweizeiliges Liedchen durchzuhalten?


Aber: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum und deshalb kann ich nur jedem raten, wenigstens einmal im Leben über einen längeren Zeitraum hinweg ein Instrument zu lernen.

Auch ich habe mich in den letzten Jahren ganz schön zerstreut. Nach dem Hauptstudium kam statt dem Orchester das Kammermusikstudium, mein eigenes Musikprojekt, meine Tätigkeit als Lehrerin, verschiedene Orchester… alles davon ist mir wichtig, nichts davon möchte ich aufgeben und vor Allem bin ich mir sehr sicher, dass all diese Dinge sich gegenseitig bedingen und sich gegenseitig inspirieren. Doch zwischendurch muss man auch genügend Zeit für die Vorbereitung haben und vor allem Zeit um konzentriert und nachhaltig zu üben.

Wie man es mit möglichst wenig Aufwand schafft, als Oboist fit zu bleiben, ist sicherlich keine Frage, die man mit einer Pauschalaussage beantworten kann. Aber ich möchte euch heute meine persönlichen Tips ans Herz legen, die sich für mich bewährt haben:

1. Entwickle dein festes Trainingsprogramm

Vor einem Konzert spiele ich mich meistens nicht sehr lange ein. Ein gutes Rohr, ein frischer Kopf und Ansatz sind nach wie vor die Beste Kombination, um ein schönes Konzerterlebnis zu haben. An Tagen, an denen ich übe, habe ich ein festes Einspielritual, was ich seit Jahren praktiziere und immer mal ein bisschen abwandele, bzw. erweitere. 

In meinem ganz persönlichen Fall sind das:

  • meine Lieblingsfingerübung im Schneckentempo, so dass ich mich darauf konzentrieren kann ganz entspannt zu spielen, Luft zu geben, kleine Bewegungen zu machen
  • Tonleitern – jeden Tag eine andere Tonart, die dazugehörige Paralleltonart in harmonisch Moll, Terzen, Doppelterzen und Quarten
  • Gebrochen Akkorde, vor Allem für ein gleichmäßiges Legato und eine gute Intonation (mit Stimmgerät!)

Jeder hat seine eigenen Stärken und Schwächen und sollte demnach auch eigene Übungen entwickeln und nutzen. Wenn du z.B. gerade dabei bist, Vibrato zu lernen, solltest du in dein Einspielprogramm mindestens eine Vibratoübung fest integrieren. 

Wenn du weißt, dass deine Finger von Natur aus sehr gut laufen und entspannt sind, aber dein Zungenstoß ziemlich faul daher kommt, solltest du dich auf ein gutes Staccato konzentrieren.

Tonleitern müssen für jeden Musiker, der ein Melodieinstrument spielt, ganz natürlich dazu gehören. Sie helfen nicht nur, einen schlappen Ansatz wieder aufzubauen, sie sind auch ein wunderbares Mittel, um einen Überblick zu erhalten, über deinen momentanen Standpunkt. Sie sind auch eine wunderbare Vorbereitung, wenn du improvisieren möchtest und vermitteln dir ganz nebenbei ein Grundverständnis für klassische Musiktheorie. 

Frage dich Folgendes beim Üben der Tonarten: 

Welche Vorzeichen spiele ich in dieser Tonart? Notfalls solltest du sie notieren.

Wie weit nach oben/unten kann ich spielen? Fange immer auf dem Grundton an, versuche dann aber auf dem Hoch- und Rückweg die ganze Spannbreite deiner Fähigkeiten auszunutzen.

Bin ich locker? Achte besonders auf deine Hände und Finger.

Stehe ich aufrecht? Aber bitte nicht verspannt.

Spiele ich musikalisch? Eine Tonleiter sollte nach oben hin ein schönes Crescendo haben und kann sich in der dritten Oktave gern ein bisschen verbreitern – gestalte jede deiner technischen Übungen möglichst musikalisch.

2. Verkürze Übersprungshandlungs-Pausen zwischen den Übungen und übe effektiv

Kurz etwas notieren, dir über das Mittagessen Gedanken machen, hier noch ein bisschen was am Rohre schaben, einmal im Kreis laufen – wir erfinden beim Üben tausende Übersprungshandlungen, damit wir der Anstrengung entkommen. Dabei verlieren wir am Ende nur Zeit. Versuche fokussiert zu bleiben und frage dich, ob du gerade jetzt wirklich dringend deine Mails abfragen musst. 

Natürlich sollten wir in uns hinein hören und uns nicht malträtieren, wenn du aber von vorne herein nur ein kleines Zeitfenster hast, mache dir das bewusst und konzentriere dich danach auf das Wesentliche.

3. Übe auch mal, wenn du dich nicht danach fühlst

Zu müde, zu aufgedreht, zu unkonzentriert… es gibt viele Gründe sich nicht danach zu fühlen, zu üben. Manchmal müssen wir es trotzdem machen und in der Regel geht es uns danach sogar besser. 

Wenn ich sehr müde bin, oder schwere Rohre einspiele, übe ich konsequent im Sitzen. Bin ich richtig schlapp, angeschlagen oder muss schon sehr früh am Morgen spielen, habe ich für mich eine wunderbare Art entdeckt, beim Üben trotzdem in meine Kraft zu finden. 

Der ultimative Trick, meine Stütze zu finden, mich wohl zu fühlen, musikalisch und technisch sinnvoll zu arbeiten, auch wenn ich mich nicht danach fühle, ist, dass ich mich zum Üben auf den Boden setze. Im Schneidersitz – wie ein Schlangenbeschwörer. Das funktioniert wunderbar und wer flexibel genug ist, sollte das einfach mal ausprobieren, oder eine andere Sitzart finden, die es erlaubt, Kraft aus dem Boden zu ziehen.

4. Quäle dich nicht mit schlechten Rohren oder einem kaputten Instrument

Wenn ich weiß, dass ich wirklich nur üben will und mich nicht zwischendurch mit Rohrbau oder Rohrsuche beschäftigen möchte, dann wähle ich ein leichtes, bequemes und meist älteres Rohr. Rohre können uns beim Üben ganz schön durcheinander bringen, aber es gibt Zeiten, da muss diese unendliche Suche in den Hintergrund rücken und wir müssen uns ganz gezielt unserem Repertoire widmen. Das sollte man bedenken, bevor man mit dem Üben beginnt.

Genauso wichtig und eigentlich fast überflüssig zu betonen, ist, dass wir ein Instrument haben müssen, was einwandfrei funktioniert. 

Wenn du mit einer kaputten Oboe übst, oder sogar zum Unterricht gehst, frustriert das nicht nur dich, sondern auch deinen Lehrer, weil er dir in vielen Fällen nicht helfen kann. Es ist nicht die Regel, dass Oboisten die Mechanik eines Instruments einstellen können – das ist nämlich tatsächlich eine Kunst für sich. Wenn dein Lehrer meint, du solltest deine Oboe überprüfen lassen, versuche das möglichst zeitnah zu tun. Es ist tatsächlich ganz normal, mehrmals im Jahr zu einem Oboenbauer zu gehen, um sein Instrument einstellen zu lassen. 

Am Ende gilt…

Wie schon zuvor geschrieben: Bei der Oboe zählt am Ende die Regelmäßgikeit (lieber 20 Minuten jeden Tag als einmal in der Woche versuchen, eine ganze Stunde am Stück zu üben) und, aber darin unterscheidet sie sich nicht von anderen Instrumenten, Qualität steht ganz klar über Quantität. Wenn du zumindest versuchst, diese beiden Punkte zu beachten, ist das schon eine ganze Menge wert und wird dir helfen, deine Kondition zu halten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.