Das Orchester und die Oboe. Oder: zu zweit ist man weniger allein.

Miriam Green und Simon Popp - kein Orchester, aber zu zweit weniger allein!

Warum man als Oboist unbedingt in einem Orchester spielen sollte (und warum man aber auch ohne glücklich sein kann)

Das Orchester und die Oboe. Zwei untrennbar miteinander verbundene Begriffe, die über Jahrhunderte hinweg eine unauflösbare Symbiose eingegangen sind.

Und das ist auch gut so. Denn die Oboe gehört ins Orchester, sie bereichert es, sie blüht in ihm auf. Andersherum braucht gibt das Orchester der Oboe erst ihre Daseinsberechtigung. Ohne Orchester gäbe es in unserer westlichen Welt wohl keine Oboe (wieso das so ist, könnt ihr hier nochmal nachlesen).

Das Orchester war auch für mich als junge Oboistin das erklärte Lebensziel.

Mit anderen Leuten musizieren, Freude daran haben, sie zu teilen… ein wahrer Traum. Als professioneller Musiker im Orchester zu sitzen, kann manchmal aber auch ganz anders aussehen. Leistungsdruck, zwischenmenschliche Probleme bis hin zum Mobbing und die Hürde des Probespiels, halten mittlerweile viele junge Musiker davon ab, den Weg des Orchesters einzuschlagen. Man tauscht einen Beamtenstatus dann gegen eine Art Vogelfreiheit, ohne Gewissheit und ohne Beständigkeit, aber ich mag dieses Leben – ganz abgesehen davon, dass ich trotzdem noch sehr viel in Orchestern sitze und mich jedesmal darauf freue.

Die schönsten Soli in Orchesternwerken wurden für die Oboe geschrieben.

Soweit die Aussage fachkundiger Klassikliebhaber und natürlich der Oboisten selbst. Tatsächlich ist an dieser Aussage eine ganze Menge dran. Geht es um lyrische, melancholische, ausdrucksstarke und traurige Melodien, ist die Oboe als Solo-Instrument nicht wegzudenken.

Das alleine ist schon ein Grund, um sich ein Orchester zu suchen, in dem man als Oboist im natürlichen Lebensraum seines Instruments die Oboe zum klingen bringen kann.
Die Gute Nachricht ist: Oboisten sind im Laienbereich fast immer willkommen und händeringend gesucht. 
Für meine Münchner Oboenschüler gibt es eine wunderbare Seite der Stadt München, wo ihr sämtliche Laienorchester aus der Umgebung findet. Einfach anrufen, eine Mail schreiben und mit ein wenig Glück könnt ihr schon bald bei der nächsten Probe vorbeischauen.

Orchesterspielen ist eine wunderbare Sache und es lohnt sich wirklich, sich dafür Zeit zu nehmen. Wir lernen gleichgesinnte Menschen kennen, üben uns im Zusammenspiel und bekommen ein besseres Gespür für unser Instrument.

Viele meiner Schüler haben Bedenken: Bin ich dafür gut genug? Was, wenn ich etwas nicht kann? Wenn ich es nicht zu jeder Probe schaffe? 

Diese Fragen sollte jeder für sich klären, bevor es losgehen kann, damit in den ersten Proben kein Stress aufkommt – aufregend ist es allemal, aber letzten Endes geht es darum, sich wohl zu fühlen und Spaß zu haben. Wenn ihr euch unsicher seid, besprecht eure Fragen mit eurem Lehrer. Lasst euch auch von ihm helfen, eure jeweilige Stimme vorzubereiten. Im Übrigen ist niemand perfekt, der zum ersten Mal in einem Orchester spielt und Fehler sollten hier erlaubt sein – es geht ja um ein miteinander Lernen.

Und was ist, wenn ihr einfach keine Lust auf Orchester habt? Auch das ist vollkommen ok und bedeutet nicht, dass die Oboe nicht das richtige Instrument für euch ist.

Hier heißt das Zauberwort „Kammermusik“. Es gibt eigentlich fast nichts, was ich lieber mache als  Kammermusik.

Kammermusik bedeutet für mich, dass ich mit Anderen zusammen musizieren. Dabei ist es mir vollkommen egal, ob wir Bach spielen oder Fleetwood Mac, oder meine eigenen Lieder. Kammermusik heißt für mich, dass ich in einer kleinen Gruppe von Menschen musiziere. Und das sollte wirklich jeder Oboist erlebt haben.

Einmal war ich auf einem Meisterkurs mit Maurice Bourgue, einer der ganz großen Oboisten und Lehrer der letzten Generationen. Ich habe Strauß’ Oboenkonzert gespielt und dieses Stück war physisch für mich immer eine große Herausforderung. Ich kam nicht wirklich entspannt zum Ende und habe ihm gesagt, dass es zu Hause immer klappt, weil ich dort alleine und nicht so nervös bin. Und er hat geantwortet: „Musik ist nicht dazu da, um sie nur in den eigenen vier Wänden zu spielen.“

Das war erstmal nicht besonders hilfreich, aber es hat sich in mein Gehirn eingebrannt und Jahre später habe ich begriffen, wie Recht er hat.

In den letzten Monaten habe ich persönlich auf Grund der Corona-Krise sehr wenig mit anderen musiziert. Umso glücklicher kann ich mich schätzen, dass ich einen meiner liebsten „Kammermusik“-Partner zu Hause habe. Mein Freund Simon Popp ist Jazzschlagzeuger und Perkussionist. Wir haben schon viel zusammen gespielt, aber ein klassisches Stück für Oboe und Perkussion lag bisher nicht auf unserem Weg. Während des Lockdowns haben wir zusammen eine Piazzolla-Etüde geübt, es hat so viel Spaß gemacht und deshalb haben wir ein kleines Video davon gemacht. 

In diesem Sinne: seid fleißig, mutig, geht raus und spielt mit anderen zusammen. Ihr werdet es nicht bereuen.

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